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Wie wird man zum Stierkampf-Fan?

Rede von Ex-Aficionado Antonio Moreno

 

Schon in meiner frühesten Kindheit nahmen mich meine Eltern, die beide Liebhaber des Stierkampfs waren, zu allen Stierkämpfen mit, die in meiner Heimatstadt Málaga ausgetragen wurden. Ja, ich wirkte sogar als Knirps von 7 Jahren bei verschiedenen Filmen mit, die man in Málaga im Zusammenhang mit dem damals berühmten Stierkämpfer Manuel Benítez el Cordobés drehte.

Als ich 9 Jahre alt war, ging mein Vater fest davon aus brüstete sich mein Vater damit, dass sein noch so kleiner Sohn bereits alle Muleta- und Capotefiguren kannte, ebenso die Bezeichnung für die Stiere je nach ihrer Farbe, ihren Hörnern oder ihrer Physiognomien. Jahrelang war die Kunst des Stierkampfes Teil meines Lebens. Ich reiste mit meinem Vater zu anderen Stierkampfplätzen und -festen. Auch zu Stierkämpfen, die zu wohltätigen Zwecken ausgerichtet wurden.

Die Liebe zum Stierkampf war Teil meines Selbst wie der Fussball, das Schwimmen, das Angeln oder die Jagd. Alles war eine Mischung angenommener, respektive aufoktroyierter Gewohnheiten, die meinen Charakter formten und mich zu einem Besessenen der so genannten „Fiesta“ werden liessen.

Immer setzten wir uns an die Barriere, d.h. in die erste Reihe jeder Arena in den Schatten. Mein Vater mit der Zigarre im Mund, meine Mutter mit der Mantilla über der Barriere. Ein klassischer Stierkampfnachmittag eben.

Die Atmosphäre, die man bei einem Stierkampf erlebt, erfasst einen ganz, schlägt einen in ihren Bann, alles beginnt…

Wenn Du in eine Stierkampfarena kommst, so siehst Du als Erstes dieses Kolorit, das Licht, die Farbe des Kreidebodens.

Der Einzug der Stierkämpfer - der Moment, wo die festlichen Trachten so überaus glänzend erscheinen. Alle bilden eine geordnete Gruppe, angeführt von den Alguaciles (berittene Platzräumer) hoch zu Pferde. Die Musik bemächtigt sich deiner Sinne. Alles ist vorbereitet dafür, dass du Teil dieser „Fiesta“, dieses Stierkampffestes wirst. Du bist der Zuschauer, der Stierkampfkenner, der Komplize.

Mir wurde beigebracht, dass der Torero im Angesicht der Bestie sein Leben aufs Spiel setzt, dass er sie zu bändigen hat, zu demütigen, damit sie dem roten Tuch unbedingt folgt. Das Pferd, der andere Protagonist, war ein weiteres positives Mitglied des Kampfes. Der Stier versuchte das arme Pferd umzustossen, es wurde von der schwarzen Bestie skrupellos angegriffen. Dieser Stier war böse und es geschah ihm recht, dass ihm der Picador mit der Lanzenspitze zusetzte. Er sollte noch mehr zustossen und erreichen, dass es dem Stier schliesslich Leid tat, das arme Pferd angerempelt zu haben.

Die Banderillas waren die guten Männer mit den Wurfpfeilen, aber ohne Stierkämpfertuch zur Selbstverteidigung, nur eben mit diesen Stangen. Die Angst ging um in allen Rängen. Das Herz stand einem still. Und wenn sie erst einmal – um das Tier zum Laufen zu bringen - eingesetzt worden waren, rannte und rannte die Bestie hinter dem Banderillero her. Bloss gut, dass ein Torero mit Tuch ihn ablenkte. Das „Ablenkungsmanöver“ war perfekt.

Das ist die Wirklichkeit, die ein Kind sieht. Der Stier als das Böse. Die restlichen Teilnehmer am Kampf sind die Guten. Wenn sich dieses Bild dem Kind erst einmal eingeprägt hat, bleibt es in seinem Kopf, und das Kind ist in der Lüge des Stierkampfs gefangen.

Ich habe Hunderte von Stieren sterben sehen, sah viele Male, wie Toreros und Helfer auf die Hörner genommen wurden. Ich sah tote Pferde in der Arena und Hunderte von grausamen Episoden. Aber ich bin nicht hier, um über Einzelheiten zu berichten, sondern über die Wirklichkeit als Ganzes.

Mein Geist blieb jahrelang gegenüber einer Wirklichkeit verschlossen, nämlich derjenigen des Stieres.

Ich sah Stiere hin zum Stierzwinger flüchten, denn sie wussten, dass sie von dorther gekommen waren. Sie wollten fliehen, wussten nicht, wozu sie dort waren.

Ich sah, wie Stiere den Torero auf die Hörner nahmen und dann ihren Angriff aufgaben. Sie wollten nur noch in Ruhe gelassen werden und nicht noch mehr Schmerzen zugefügt bekommen. Ich sah viele Stiere weinen, hörte viele vor Schmerzen schreien. Wahre Schreie, so dass mir noch heute die Haare zu Berge stehen. Damals jedoch waren es nur Zeichen mangelnder Klasse, Zeichen von Feigheit.

Ich sah drei Stiere vor meinen Augen sterben und ass und trank dann in der Pause und lachte sogar über den Tod dieser Lebewesen.

Heute verstehe ich nicht, wie man essen kann, nachdem man das gesehen hat. Aber fest steht, dass ich es tat und mich dabei wohlfühlte.

Als Kind war ich aggressiv, hatte einen Hund - meinen Hund. Die restliche Tierwelt jedoch war nur dazu da, geopfert zu werden. Der Respekt war dahin. Mein Vater nahm mich mit auf die Jagd, um zu töten, nahm mich mit zum Angeln, um zu töten. Und ich war glücklich. Ich war dabei, ein nützlicher Mensch zu werden: hart, ohne Mitgefühl für die anderen Tiere. Und hart, hart auch gegenüber meiner eigenen Spezies.

Wie sieht ein Stierkampf-Fan zum ersten Mal den Stier als leidendes Tier?

Jahre vergingen. Viele Jahre, bis sich eines Tages - ich war damals etwas über dreissig - bei einem Stierkampf während der Feria von Málaga etwas ereignete. Es war beim zweiten Stier jenes Nachmittags, als urplötzlich ein Stier hinter einem Stierkämpfertuch erschien. Ich staunte und verharrte in der Betrachtung dieses Tiers, das ich nie zuvor gesehen hatte. Ich, der ich imstande war, Tausende von Stieren vor meinen eigenen Augen sterben zu sehen. Aber an jenem Tag geschah etwas. Und es war eigentlich gar nichts Besonderes. Das Besondere an jenem Tag war ich, der ich zum ersten Mal nach mehr als dreissig Jahren einen STIER sah.

Ich stand von meinem Sitz auf und verliess die Arena, ohne ein Wort zu sagen. Seitdem habe ich niemals wieder eine Stierkampfarena betreten.

Ich bin nicht zum Feind der Stierkämpfe geworden, sondern mir wurden sie gleichgültig. Jahre vergingen. Ich wusste, was bei den Corridas passierte, aber ich hegte diesbezüglich keinerlei Gefühle. Es war mir egal. Wenn man mich fragte, ob ich Stiere mochte, antwortete ich immer das Gleiche: Ja, mit Kartoffeln.

Wie wird aus einem gleichgültigen Menschen einer, der gegen seine eigene Vergangenheit kämpft?

Mehr als zehn Jahre mussten vergehen, bis ich mir eines Tages sagte, dass dies ein Ende haben müsse. Ich forschte in meinem Innersten nach den Gründen dieser elenden Tradition. Es erfüllte mich mit Scham, dass ich meine ältere Tochter zu diversen Stierkämpfen mitgenommen hatte. Glücklicherweise hatte sie nie Gefallen daran gefunden. Und ich empfand Freude darüber, nie meine jüngeren Kinder dorthin mitgenommen zu haben.

Eines Tages sagte ich mir: „Etwas muss ich tun.“ Und seither kämpfe ich darum, meine Wahrheit über die blutigen Stierkämpfe zu verbreiten.

Das Leiden eines Tieres darf KEIN Genuss sein. Eine Corrida ist nichts als DEMÜTIGUNG, FOLTER UND TOD eines UNSCHULDIGEN TIERES zum Zwecke des Genusses, den eine Gruppe von SADISTEN dabei erstrebt.

Ich dachte an all jene Kinder, die wie ich im gleichen elenden Milieu aufwachsen und sicherlich nicht das gleiche Glück haben werden, das ich einst hatte, nämlich DEN STIER ZU SEHEN. Deshalb erzähle ich meine Geschichte überall dort, wo es möglich ist. Ich schäme mich nicht, sondern führe mich als einfaches Beispiel an: WENN ICH MICH HABE ÄNDERN KÖNNEN, KANNST DU ES AUCH.

Ich weiss, was in einer Stierkampfarena vor sich geht. Worum ich bitte, ist Folgendes: Diejenigen, die beim Stierkampf anwesend sind, sollen erfahren, was ausserhalb gefühlt wird.

Seit mehr als einem Jahr halte ich in den unterschiedlichsten Bildungseinrichtungen Vorträge und überbringe die Botschaft vom Respekt gegenüber jedem Lebewesen. Bildung muss die Säule sein, an der wir Halt finden. Sie ist die Zukunft einer alarmierenden Gegenwart. Die Kinder von heute verweigern sich unseren grausamen Traditionen. Ihre überwältigende Mehrheit lehnt die Stierkämpfe ab. Diese sind nicht die Zukunft, sondern die so herbeigesehnte GEGENWART. Auch am heutigen Tag sende ich die Botschaft des Respekts vor jedem Lebewesen aus – ungeachtet dessen, ob es sich dabei um einen Menschen oder um ein anderes Wesen handelt. Und ich bitte alle, die für die Abschaffung des Stierkampfes eintreten, dass sie niemals - wirklich niemals - ihre Freude darüber äussern, dass ein Torero von einem Stier aufgespiesst wird. Denn unser Respekt gilt doch jeder Art von Leben.

Durch diesen Kampf für den Tierschutz habe ich vor einigen Jahren eine veganische Diät angefangen. Schliesslich kann ich nicht das Leben von Tieren verteidigen und sie dann als Kadaver vor mir auf einem Teller zulassen.

Die Regierungen und die Kirche angesichts der Stierkämpfe

Was mich an dieser ganzen Sache am meisten schmerzt, ist die Tatsache, dass diese Situation zu allem Überfluss mit öffentlichen Geldern aufrecht erhalten wird - mit dem Geld aller Bürger, ob sie nun dafür sind oder nicht. Die Regierungen, in meinem Fall die spanische, fördern, unterstützen und begrüssen die Teilnahme an diesen blutigen Schauspielen. Darüber hinaus helfen sie dazu, dass Kinder mit gesundem Geist in frühester Kindheit an Tierquälerei gewöhnt werden. Aber es gibt nicht allein die Unterstützung der Regierungen, sondern auch die Unterstützung und Sympathie für den Stierkampf seitens der katholischen Kirche.

Es kommt selten vor, dass ein Stierkampf in Spanien nicht etwa im Namen eines Heiligen, einer Jungfrau oder eines Christus stattfindet. Das bedeutet: DEMÜTIGUNG, FOLTER UND TOD eines TIERES in GOTTES Namen.

Päpstliche Bulle

An dieser Stelle sei daran erinnert, dass die Kirche DIESE GRAUSAMEN UND SCHÄNDLICHEN SPEKTAKEL, DIE NICHT VON MENSCHEN, SONDERN VOM TEUFEL SIND, verurteilt hat.

Am 1. November 1567 proklamierte Papst Pius V. die Bulle DE SALUTIS GREGIS DOMINICI, worin er entschieden und für immer die Stierkämpfe untersagte. Er schrieb die sofortige Exkommunion für jeden Katholiken vor, der diese Kämpfe gestattete oder an ihnen teilnahm. Zugleich ordnete er an, dass es keine Kirchenbestattung für diejenigen Katholiken geben könne, die an den Folgen der Teilnahme an Stierkämpfen den Tod gefunden haben. Spätere päpstliche Verfügungen modifizierten den Inhalt der genannten Bulle, indem sie Teile davon aufhoben oder strichen. Immer jedoch blieb die unverzichtbare Bedingung bestehen, dass zwei Forderungen erfüllt wurden:

Die Stierkämpfe durften nicht an Feiertagen stattfinden. Bei ihrer Durchführung sollten entsprechende Massnahmen getroffen werden, damit der Tod von Personen möglichst vermieden werde. In jedem Fall hat die Bulle weiterhin Gültigkeit für Mönche, Bettelmönche und Angehörige beliebiger christlicher Orden. Sie ist auch für gläubige Katholiken bindend - diese fügen sich ihr allerdings nicht, obgleich sie ihnen bekannt ist.

Aus all diesen Gründen spreche ich von diesem Ort aus die Regierungen SCHULDIG, die das unnötige Leiden der Stiere erlauben. SCHULDIG ist auch die Kirche, weil sie die Teilnahme ihrer Gläubigen an diesen grausamen Schauspielen billigt.

Schuldig ist die spanische Regierung, weil sie gestattet, dass Kinder belogen werden, indem man sie glauben macht, Tierquälerei finde zur Unterhaltung zu Recht statt. Auch weil sie mit öffentlichen Geldern weiterhin ein privates Schauspiel subventioniert, wobei ihr jede menschliche Moral abgeht. Die öffentliche Verwaltung gibt dieser Investition den Vorrang, statt die tatsächlichen Bedürfnisse der spanischen Bevölkerung zu befriedigen.

Ich spreche die Kirche schuldig, weil sie im Namen ihrer Gottheiten segnet und Gottes Namen grundlos benutzt.

Und mich selbst, da ich Teil dieser infernalischen Unterhaltung war. Ich bitte um Gerechtigkeit - nicht für mich, sondern für das Leben des am schlimmsten Betroffenen, DES STIERS.

Antonio V. Moreno Abolafio
Präsident des Andalusischen Kollektivs gegen Tierquälerei, Andalusien, Spanien
www.cacma.org

 

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