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Tierversuche an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Globaler Klüngel – Zahnmedizinische Tierexperimente an Hunden

 

Teil I: Die Westdeutsche Kieferklinik (Abt. Oralchirurgie), die Tierversuchsanlage des Universitätsklinikums Düsseldorf und die Straumann AG, Schweiz

Auch an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf (HHUD) behauptet die Lobby der Tierversuchs-Befürworter, Tierversuche seien notwendig, um medizinischen Fortschritt und Sicherheit für den Menschen zu garantieren. Von Aktien, Profiten und milliardenschweren Märkten ist dabei nie die Rede, obwohl die Industrie längst vormacht, wie universitäre Forschung industriellen Kommerz fördern kann: Unternehmen lassen ihre Produkte testen, über die angeblich unabhängige Wissenschaftler Publikationen schreiben, die dem Produkt zu Bekanntheit und Glaubwürdigkeit verhelfen sollen.

An der Tierversuchsanlage am Düsseldorfer Campus lässt zum Beispiel die Schweizer Straumann AG einige ihrer zahnmedizinischen Produkte in grausamen Tierversuchen testen, deren Übertragbarkeit auf den Menschen selbst die Experimentatoren in ihren Publikationen bezweifeln. Die tierexperimentelle Produktentwicklung wird dabei unterstützt von Dr. med. vet. Martin Sager, Tierschutzbeauftragter und Leiter der Tierversuchsanlage (Gebäude 22.22).

 

Straumann AG, Basel, Schweiz

Globale Netzwerke
Die Straumann AG ist nach eigenen Angaben ein weltweit führender Anbieter von Dentalimplantologie und Produkten zu oraler Geweberegeneration, mit dem Ziel, „zum Anbieter der Wahl und damit Marktführer“ zu werden, und setzt „alles daran, bessere Lösungen anzubieten und die Wertschöpfung für unsere Aktionäre und Mitarbeiter zu erhöhen“ (Geschäftsbericht 2005). Im Jahr 2008 erwirtschaftete die Straumann AG einen Umsatz von 79 Millionen CHF.

Straumanns Forschungsstrategie beruht darauf, dass ein internes Spezialistenteam ein globales Netzwerk zu externen Partnern an führenden Universitäten und Instituten unterhält, die wiederum für Publikationen über Straumann-Produkte in Fachzeitschriften sorgen und die Bekanntheit dieser Produkte bei Dentalfachleuten und Patienten erhöhen: „Insgesamt erschienen 2008 über 100 wissenschaftliche und klinische Arbeiten zu Straumann-Produkten in Peer-Review- Publikationen. Sie trugen wesentlich zur Evidenz bei, die für Straumann-Lösungen und Implantologie generell sprechen“ (Geschäftsbericht 2008). Dabei ist der Straumann AG bewusst: „Die gesetzliche Freigabe zur Vermarktung eines Produkts erfordert nicht, dass es dazu publizierte wissenschaftliche Daten gibt.“

Das ITI und die ITI Foundation for the Promotion of Implantology
1980 gründeten Dr. h.c. Fritz Straumann und der Schweizer Prof. Andrè Schroeder das ITI (International Team for Implantology), laut Straumann-Homepage ein „medizinisch-wissenschaftlich arbeitendes, unabhängiges Netzwerk von international renommierten Spezialisten“ – mit mehr als 530 Fellows und 4.300 Members - die in mittlerweile 23 ITI-Sektionen weltweit mit Kursen, Sektionstreffen und Kongressen auf lokaler Ebene dafür sorgen, „dass die ITI-Behandlungsmethoden einem breiten Kreis von Anwendern zugänglich gemacht werden.“ Die Straumann AG profitiert davon: „Unser Bekanntheitsgrad unter den Zahnmedizinern wurde durch äußerst erfolgreiche ITI-Kongresse in Europa, an denen rund 4.000 Personen teilnahmen, vergrößert“(Geschäftsbericht 2006).
1988 wurde die ITI Foundation for the Promotion of Implantology gegründet, die von 1988 bis 2006 ungefähr 230 Forschungsprojekte mit rund 27 Millionen CHF finanziell unterstützte. Die Finanzierung der ITI Foundation for the Promotion of Implantology ist durch Zuwendungen der Straumann AG garantiert, wobei, laut Homepage der ITI-Foundation, Straumanns monetäre Unterstützung verwendet wird, um Projekte in Forschung, Entwicklung und Ausbildung zu finanzieren –  meist gefördertes Forschungsthema: Implantat-Oberflächen und Implantat-Grenzgewebe.1 Das ist angesichts der Vorteile für Straumann gut investiertes Geld, denn ein starkes, globales Netzwerk an wissenschaftlichen Schlüsselpersonen – den „key opinion leaders“ – ist das A und O in der Medtech-Branche.

Der Düsseldorfer Straumann-Vertreter
Der universitäre Straumann-Promotor in Düsseldorf heißt Dr. Frank Schwarz, Privatdozent an der Westdeutschen Kieferklinik, Abt. Oralchirurgie. Nachdem die Straumann AG angekündigt hatte, im Jahr 2007 die Anstrengungen darauf zu konzentrieren, ihr neues Implantat-Modell SLActive® überall in der Welt zur Standardoption für Patienten zu machen, lieferte das Team um Dr. Schwarz und Dr. Sager die Tierversuchs-Ergebnisse, auf die die Straumann AG sich bis heute beruft, um ihr Produkt SLActive® in Fachzeitschriften und auf Kongressen zu bewerben 2-6 (SLActive® ist eine leicht veränderte Implantat-Version des Vorgänger-Modells SLA®). Eine Übersichtsarbeit von Schwarz et al. über die Vorzüge des neuen Straumann-Implantats rundete im Jahr 2009 die auf Tierversuchen an Hunden basierende Werbekampagne ab.7 Von Januar bis Juli 2007 zog Dr. Schwarz mit einer „Roadshow“ durch Deutschland, um in seinem Vortrag „die potenzielle Bedeutung der SLActive®-Oberfläche für die zahnärztliche Implantologie zu bewerten.“8 In einem Interview im Straumann-Magazin STARGET 2/08 erklärte Dr. Schwarz, dass er bei all seinen Patienten von SLA®-Implantaten ausschließlich auf (die teureren) SLActive®-Implantate umgestiegen sei, auch wenn „der Preis und seine Rechtfertigung in der Tat eine der am häufigsten gestellten Fragen in Verbindung mit SLActive®“ sei.

 

Marketing-Strategien und das Straumann SLActive®-Implantat

In den letzten 30 Jahren hat sich um die Implantologie eine milliardenschwere Industrie gebildet, die allerdings auch von Sorgen geplagt wird: „Angesichts mangelnder Kostenerstattung hängt es jedoch von der konjunkturellen Entwicklung ab, ob sich Patienten unsere Behandlungsoptionen leisten können,“ sodass die Straumann AG gezwungen ist, sich „auf jene Länder mit einem gewissen Wohlstand zu konzentrieren, z.B. Europa, Nordamerika und Teile Asiens“ (Geschäftsbericht 2008).

Der Markt ist stark umkämpft, die Konkurrenz groß, und so mussten ab dem Jahr 2007 zur intensiven Vermarktung des – im Vergleich zum Vorgängermodell SLA® – nur leicht oberflächenveränderten neuen Implantats SLActive® eindrucksvolle Ergebnisse für dessen verbesserte Knocheneinheilung und Gewebeintegration her.

Düsseldorfer Hunde-Versuche für Schweizer Zahnimplantate 2-6 :
(in chronologischer Reihenfolge der Veröffentlichung9)

(2) Schwarz, Herten, Sager, Wieland, Dard, Becker, Bone regeneration in dehiscence-type defects at chemically modified (SLActive®) and conventional SLA® titanium implants: a pilot study in dogs, Jan 2007

Frank Schwarz, Monika Herten, Jürgen Becker: Westdeutsche Kieferklinik, HHUD; Martin Sager: Tierversuchsanlage HHUD; Marco Wieland, Michel Dard: Institut Straumann, Basel, Schweiz; Straumann stellt die Test-Implantate zur Verfügung

Die 12 Beagles, die nach diesem Tierversuch getötet wurden, waren zwischen 12 und 15 Monate alt. In dem Versuch sollte die Oberfläche des 1997er Straumann Implantat-Modells SLA® mit der nur zusätzlich chemisch modifizierten Oberfläche des neuen Implantats SLActive® (seit 2005 im Handel) verglichen werden.

Zunächst zogen die Tierexperimentatoren jedem Hund 20 Zähne und bohrten ihnen nach einer Heilungsphase standardisierte Löcher in den Ober- und Unterkiefer (sog. Dehiszenzdefekte), um Knochendefekte bei Patienten zu simulieren. Der häufigste Grund für Zahnverlust beim Menschen sind nicht etwa Unfälle, sondern parodontale Erkrankungen, d.h. chronisch-entzündliche Erkrankungen, die zu teils schweren Knochendefekten im Kiefer führen können, was wiederum das Einsetzen von Zahnimplantaten erschwert. Allerdings zeigt der parodontitische Kieferknochen eines Menschen ein anderes Heilverhalten als der künstlich verletzte, gesunde Kieferknochen eines Hundes.

In die Löcher der gezogenen Zähne setzten die Düsseldorfer Tierexperimentatoren bei jedem Hund 16 Schraubenimplantate mit unterschiedlicher Oberflächenbeschaffenheit ein: Oberfläche entweder konventionell grob-sandgestrahlt und mit Säure geätzt (SLA®-Implantat) oder zusätzlich chemisch modifiziert (SLActive®-Implantat).

Aus dem Tierversuch zogen die Autoren den Schluss, dass das neue SLActive®-Implantat die Knochenregeneration bei akuten Kieferknochendefekten möglicherweise fördern könne.

Allerdings bezweifelten die Experimentatoren Schwarz et al. in ihrer Studie die Übertragbarkeit der Ergebnisse aus dem Tierversuch: „Weiterhin ist es fraglich, ob die gewonnenen Daten aus einer präklinischen Studie an Hunden auf die klinische Situation angewendet werden können, da Berichten zufolge die Umsatzrate des Knochenheilungsprozesses beim Hund etwa viermal schneller ist als beim Menschen.“ Einen weiteren Grund für die mangelnde Übertragbarkeit der Tierversuche nannte Dr. Schwarz  in einem Interview im Straumann-Magazin STARGET 2/08. Auf die Frage, ob die im Tierversuch künstlich herbeigeführten Dehiszenzen (Knochendefekte) ähnlich denen von Patienten seien, antwortete er: „Auch wenn die operative Schaffung standardisierter bukkaler Dehiszenzdefekte bei Hunden ein gängiges Modell zur Beurteilung der Knochenregeneration an Titanimplantaten ist, haben Defekte vom akuten Typ eine gewisse Tendenz zur Spontanheilung. Demzufolge zeigt das Defektmodell, das bei diesen Tierstudien mit SLActive-Implantaten angewendet wurde, aus klinischer Sicht möglicherweise nicht die biologische Situation, die bei Defekten vom chronischen Typ vorliegt. Grundsätzlich müssen diese Tierversuchsdaten eher als Beweis für grundlegende biologische Phänomene denn als klinische Empfehlung interpretiert werden.“

(3) Schwarz, Herten, Sager, Wieland, Becker, Histological and immunohistochemical analysis of initial and early osseous integration at chemically modified and conventional SLA® titanium implants: preliminary results of a pilot study in dogs, Aug 2007

Frank Schwarz, Monika Herten, Jürgen Becker: Westdeutsche Kieferklinik, HHUD; Martin Sager: Tierversuchsanlage, HHUD; Marco Wieland, Michel Dard: Institut Straumann AG, Basel, Schweiz; Straumann stellt die Test-Implantate zur Verfügung

Für diesen Tierversuch wurden vier weibliche Foxhounds im Alter von drei Jahren (auf dem Altar der Wissenschaft?) „geopfert“ („The animals were sacrificed“). Vor der „Opferung“ zogen die Experimentatoren jeder Hündin insgesamt 16 Zähne im Ober- und Unterkiefer, um nach drei Monaten in die Löcher entweder das konventionelle Straumann-Implantat SLA® oder das modifizierte Nachfolge-Modell SLActive® einzusetzen. Am Tag 1, 4, 7 oder 14 nach dieser Operation wurde jeweils eine Hündin durch Überdosis eines Barbiturats „geopfert“ und durch die Halsschlagadern eine Formalinlösung gespült, um das Blut aus dem Gewebe zu verdrängen. Aus den Kiefern wurden Proben heraus geschnitten und untersucht. Ziel des Versuchs war es, anfängliche und frühe Reaktionen des Gewebes auf  SLA®-Implantate im Vergleich zu SLActive®-Implantaten zu untersuchen, wobei SLActive®  wieder besser abschnitt als sein Vorgängermodell SLA®.

Schwarz et al. machten keine Aussage dazu, ob die tierexperimentellen Daten sicher oder überhaupt auf den Menschen übertragbar sind, kündigten aber weitere Tierversuche an, um noch frühere Zeitpunkte für das Einwachsen von SLA®- und SLActive®-Implantaten in den Hunde-Kieferknochen bestimmen zu können.

(4) Schwarz, Herten, Sager, Wieland, Dard, Becker, Histological and immunohistochemical analysis of initial and early subepithelial connective tissue attachment at chemically modified and conventional SLA® titanium implants. A pilot study in dogs, Sep 2007

Frank Schwarz, Monika Herten, Jürgen Becker: Westdeutsche Kieferklinik, HHUD; Martin Sager: Tierversuchsanlage, HHUD; Marco Wieland, Michel Dard: Institut Straumann AG, Basel, Schweiz; Straumann stellt die Test-Implantate zur Verfügung

Die vier Hündinnen (Foxhounds), die nach diesem Tierversuch getötet und deren Kiefern auseinander geschnitten wurden, waren drei Jahre alt. Die Experimentatoren zogen jeder Hündin 20 Zähne, und nach einer dreimonatigen Heilungsphase wurden ihnen jeweils 16 Implantate eingesetzt, entweder das herkömmliche Straumann-Modell SLA® oder das leicht oberflächenveränderte neue SLActive®-Implantat. Ziel des Tierversuchs war es, erste und frühe subepitheliale Bindegewebsanheftungen bei SLA®- und SLActive®-Implantaten gewebekundlich zu untersuchen.

Schwarz et al. zogen folgendes Resümee aus dem Tierversuch: Innerhalb der Grenzen einer solchen Pilotstudie könnte man darauf schließen, dass modifizierte SLA Titan-Oberflächen <d.h. SLActive® -Implantate> das Potential besitzen könnten, subepitheliale Bindegewebsanheftungen um das Implantat zu fördern.10 Die Straumann AG deklarierte derart vage Vermutungen als Tatsachen: „Es zeigte sich eine erhöhte Anlagerung und Vermehrung der Epithelzellen und Fibroblasten, die zu einem Weichgewebe-Attachment mit gut organisierten Kollagenfasern und Blutgefäßen führten“ (Straumann Backgrounder 2009) - wobei Schwarz et al. ausdrücklich darauf hingewiesen hatten, dass es gegenwärtig keine gewebekundlichen (histologischen) Daten gebe, die die klinische Relevanz der Anheftung von Kollagenfasern unterstützen würden.

Die Düsseldorfer Tierexperimentatoren betonten in ihrer Studie die Einschränkungen durch die nur kleine Tierzahl und die Notwendigkeit, in weiteren Studien eine größere Anzahl von Tieren zu benutzen, um die gegenwärtigen Ergebnisse zu bestätigen – insbesondere bei der offenen Einheilung von Titan-Implantaten (non-submerged titanium implants).

(5) Schwarz, Ferrari, Herten, Mihatovic, Wieland, Sager, Becker, Effects of surface hydrophilicity and microtopography on early stages of soft and hard tissue integration at non-submerged titanium implants: an immunohistochemical study in dogs, Nov 2007

Frank Schwarz, Daniel Ferrari, Monika Herten, Ilja Mihatovic, Jürgen Becker: Westdeutsche Kieferklinik, HHUD; Marco Wieland: Institut Straumann, Basel, Schweiz; Martin Sager: Tierversuchsanlage, HHUD; Straumann stellt die Test-Implantate zur Verfügung

In diesem  Tierversuch erhöhten Schwarz et al. die Zahl der Tieropfer auf 15 Beagles, alle zwischen 20 und 24 Monate alt. Ziel der Studie war es, den Einfluss der Oberflächenbeschaffenheit auf frühe Phasen der Weich- und Hartgewebeintegration bei offener Einheilung von Titan-Implantaten (non-submerged titanium implants) im „Hundemodell“ zu untersuchen.

In ihrer vierten Publikation zu SLA® vs. SLActive® zitierten Schwarz et al. mehrfach sich selbst, indem sie auf die von ihnen festgestellten positiven Ergebnisse zur Knocheneinheilung und Gewebeintegration der neuen SLActive®-Implantate in ihren vorangegangenen Tierversuche hinwiesen2-4, allerdings ohne ihre vorher geäußerten Zweifel an deren Übertragbarkeit zu wiederholen.

Nicht nur, dass auch bei diesem Tierversuch wieder Marco Wieland mitarbeitete, Vize-Präsident der Forschungsabteilung des Instituts Straumann, das Institut Straumann subventionierte den Tierversuch auch, und Dr. Frank Schwarz erhielt für seine Arbeit den Andrè-Schroeder-Forschungspreis 2007, der seit 1992 jährlich von der Straumann AG verliehen wird, dotiert mit einem Preisgeld von 20.000 CHF und einer Goldmedaille.

„Auf der Grundlage der Beobachtungen unabhängiger Forschungsteams in der ganzen Welt sind wir davon überzeugt, dass SLActive® der neue Goldstandard für Dentalimplantate wird“, heißt es im Straumann-Geschäftsbericht 2006.

Ergebnis der von Straumann preisgekrönten Studie: 15 tote Beagles mit zersägten Kiefern und die mögliche Schlussfolgerung, dass die Weich- und Hartgewebeintegration mehr durch Hydrophilie als durch die Mikrotopographie der Implantat-Oberfläche beeinflusst werde.

(6) Schwarz, Sager, Ferrari, Herten, Wieland, Becker, Bone regeneration in dehiscence-type defects at non-submerged and submerged chemically modified (SLActive®) and conventional SLA® titanium implants: an immunohistochemical study in dogs, Jan 2008

Frank Schwarz, Daniel Ferrari, Monika Herten, Jürgen Becker: Westdeutsche Kieferklinik, HHUD; Martin Sager: Tierversuchsanlage HHUD; Marco Wieland: Institut Straumann, Basel, Schweiz; Straumann stellt die Test-Implantate zur Verfügung

Dieser zweite Tierversuch mit standardisierten Löchern im Kiefer (sog. Dehiszenzdefekte) kostete vier Beagles im Alter zwischen 20 und 24 Monaten das Leben. Die Düsseldorfer Experimentatoren zogen jedem Hund 16 Zähne und bohrten ihnen nach einer Heilungsphase standardisierte Löcher in den Ober- und Unterkiefer, um Kieferknochenschäden zu simulieren, die ein Problem beim Einsatz von Implantaten bei Patienten sind. Allerdings zeigt der durch chronisch-entzündliche Erkrankungen geschädigte Kieferknochen eines Menschen ein anderes Heilverhalten als der künstlich verletzte, gesunde Kieferknochen eines Hundes.

Ziel des Tierversuchs war es, die Knochenheilung von Kieferknochendefekten beim Einsatz von SLA®- und SLActive®-Implantatoberflächen bei gedeckter (submerged) und offener (non-submerged) Einheilung zu vergleichen.

Für diesen Tierversuch wurden die Düsseldorfer Experimentatoren von der ITI-Stiftung gefördert, die finanziell von der Straumann AG abhängig ist. Auch bei diesem Tierversuch bezweifelten Schwarz et al. die Übertragbarkeit der Ergebnisse, weil die Umsatzrate des Knochenheilungsprozesses beim Hund etwa viermal schneller sei als beim Menschen.11 Außerdem gaben sie zu Bedenken, dass akute Defekte – wie die künstlich gebohrten Löcher im Kieferknochen der Hunde – eine Tendenz zur Spontanheilung hätten.12 Im „Straumann Backgrounder 2009“ fehlen solche Bedenken. Stattdessen bejubelte die Straumann AG die signifikante Verbesserung des Knochenzuwachses im Defekt um die neuen SLActive®-Implantate herum, im Vergleich zum (preiswerteren) Vorgänger-Modell SLA®, das in allen Versuchen schlechter abschnitt.

Angestrebte höhere Marktanteile scheinen jedes Mittel zu rechtfertigen, auch nicht übertragbare Ergebnisse aus grausamen Tierversuchen als pseudo-wissenschaftliche Produktwerbung.

Alles aus einer Hand
Laut einer Straumann-Presseitteilung13 von 2009 verhalfen die Düsseldorfer Experimentatoren Frank Schwarz, Daniel Ferrari, Martin Sager, Jürgen Becker und der Straumann-Mitarbeiter Marco Wieland der Straumann AG sogar zu einer tierexperimentellen Vergleichsstudie mit einem Konkurrenzprodukt, in der SLActive® einen angeblich bedeutend höheren Implantat-Knochenverbund erzielte als das NanoTite®-Implantat des Konkurrenten Biomet 3i,Inc.14 Die Ergebnisse dieses Tierversuchs seien beim Treffen der European Association for Osseointegration (EAO) im September 2008 in Warschau präsentiert worden, allerdings scheinen die Düsseldorfer Autoren sie bis heute nicht veröffentlicht zu haben. Außerdem, so die Straumann-Pressemitteilung, habe SLActive® in sechs tierexperimentellen Studien verbesserte Knochenbildung und Defektfüllung gezeigt – fünf der zitierten Studien stammten aus Düsseldorf.2-6 In derselben Pressemeldung hieß es, ein Tierversuch des schwedischen Kollegen Jan Gottlow an Kaninchen habe gezeigt, dass SLActive®, im Vergleich mit dem TiUnite®-Implantat des Marktführers Nobel Biocare, auch diesem Konkurrenz-Produkt bei der Knocheneinheilung überlegen sei.15 Die Ergebnisse seien auf der Toronto Osseointegration Conference im Mai 2008 vorgestellt worden, scheinen aber ebenfalls nicht veröffentlicht worden zu sein.

 

Tierversuche sind schlechte Wissenschaft

Tierversuche im zahnmedizinischen Bereich sind aus verschiedenen Gründen nicht auf den Menschen übertragbar:

  • Die Zähne des Hundes sind anders und unterliegen durch ihre Form und der Form des Zahnbogens anderen Belastungen,
  • der knöcherne Zahndamm (Alveolarknochen), in den die Zähne des Ober- und Unterkiefers eingewachsen sind, ist beim Hund sehr viel dichter und kompakter in seiner Struktur als der Zahndamm des Menschen,
  • Menschen haben keine Fangzähne zum Hautaufreißen, keine Reißzähne und kein sog. Brechscherengebiss zum Knochenknacken.
  • Eine Dissertation (2001) stellte gravierende Unterschiede zwischen Hund und Mensch fest
  • bei der Kauphysiologie,
  • bei der Ernährungsphysiologie,
  • bei der oralen Hygiene,
  • in den Abweichungen im Aufbau des Kieferknochens,
  • im Regenerationsverhalten des Kieferknochens,

und stellte damit die Eignung des Hundes als Modell für die Parodontologie in Frage.16

  • Die Düsseldorfer Experimentatoren Schwarz et al. nannten in ihren eigenen Publikationen Gründe für die Nicht-Übertragbarkeit von Tierversuchen an Hunden auf die klinische Situation2,6:

-   Der Knochenstoffwechsel ist anders, denn die Umwandlungsrate des Knochenheilungsprozesses beim Hund ist etwa viermal schneller als beim Menschen.
-   Akute Defekte, wie das Bohren künstlicher Löcher im Kieferknochen (Dehiszenzdefekte), haben eine Tendenz zur Spontanheilung – unabhängig vom angeblich stark wachstumsfördernden Effekt auf Knochen und Gewebe, den das Straumann-Implantat SLActive® bewirken soll.

  • Der durch chronisch-entzündliche Parodontalerkrankungen geschädigte Kieferknochen des Menschen zeigt ein anderes Heilverhalten als der künstlich verletzte, gesunde Kieferknochen eines Hundes.
  • Unterschiede bei der Knocheneinheilung von Implantaten zeigen sich auch bei unterschiedlichen Tierarten. So zitieren Schwarz et al. in einer ihrer SLActive®-Tierstudien5  die Publikation ihres Schweizer Kollegen Buser17, Universität Bern, der 2004 bei sechs Minischweinen feststellte, dass sich an die chemisch veränderte Oberfläche des Straumann SLActive®-Implantats mehr neuer Knochen anlagerte als an die konventionelle SLA®-Oberfläche:

-   Bei den Minischweinen lag der Knochenkontakt zum SLActive®-Implantat nach zwei Wochen bei 49.30% (vs. 29.42% bei SLA®),
-   bei den Hunden dagegen bei 72%  (vs. 54% bei SLA®).5

An dem von Schwarz et al. zitierten Schweizer Versuch mit Minischweinen waren drei Mitarbeiter der Straumann AG beteiligt, der Tierversuch wurde von der ITI-Stiftung subventioniert, Daniel Buser ist der bisher erfolgreichste Förderantragsteller bei der ITI Foundation for the Promotion of Implantology1 und Präsident des ITI (International Team für Implantology): „Unser Partner im akademischen Bereich, das ITI, spielt ebenfalls eine wichtige Rolle bei unseren gemeinsamen Forschungsbestrebungen“ (Straumann Geschäftsbericht 2006).

Mit all den genannten Tierexperimenten konnte ein Behandlungsfortschritt für Zahnpatienten weder sicher versprochen noch bewiesen werden.

Selbstverständlich strebt man durch verschiedenartige, teils chemisch veränderte Oberflächengestaltungen eine verbesserte Verbindung zur Knochenstruktur an, doch ob diese dann langfristig das versprechen, was sie kurzfristig im Tierversuch zeigen, ist eben im Tierversuch nicht zu ermitteln. Welches Zahnimplantat für das menschliche Gewebe verträglich ist, kann eben nur am menschlichen Gewebe gesichert getestet werden. Für den Langzeiterfolg gilt dies ohnehin.

 

Anmerkungen und Literatur-Referenzliste:

(1) Busslinger A, The International Team for Implantology (ITI) Research Foundation, A retrospective analysis of research grants allocated in the years 1988-2006,  Diss. 2007, Universität Bern, Klinik für Parodontologie und Brückenprothetik

(2) Schwarz, Herten, Sager, Wieland, Dard, Becker, Bone regeneration in dehiscence-type defects at chemically modified (SLActive®) and conventional SLA® titanium implants: a pilot study in dogs, J Clin Periodontol, Jan 2007; 34: 78-86

(3) Schwarz, Herten, Sager, Wieland, Becker, Histological and immunohistochemical analysis of initial and early osseous integration at chemically modified and conventional SLA® titanium implants: preliminary results of a pilot study in dogs, Clin Oral Implants Res, Aug 2007; 18: 481-8

(4) Schwarz, Herten, Sager, Wieland, Dard, Becker, Histological and immunohistochemical analysis of initial and early subepithelial connective tissue attachment at chemically modified and conventional SLA® titanium implants. A pilot study in dogs, Clin Oral Investig, Sep 2007; 11: 245-55

(5) Schwarz, Ferrari, Herten, Mihativic, Wieland, Sager, Becker, Effects of surface hydrophilicity and microtopography on early stages of soft and hard tissue integration at non-submerged titanium implants: an immunohistochemical study in dogs, J Periodontol Nov 2007; 78: 2171-84

(6) Schwarz, Sager, Ferrari, Herten, Wieland, Becker, Bone regeneration in dehiscence-type defects at non-submerged and submerged chemically modified (SLActive®) and conventional SLA® titanium implants: an immunohistochemical study in dogs, J Clin Periodontol, Jan 2008; 35: 64-75; epub Nov 2007

(7) Schwarz et al, Potential of chemically modified hydrophilic surface characteristics to support tissue integration of titanium dental implants, J Biomed Mater Res, 2009; 88: 544-57

(8) www.straumann.de

(9) Versuchsbeschreibungen auf  www.datenbank-tierversuche.de

(10) “Within the limits of a pilot study, it might be concluded that modSLA titanium surfaces might possess the potential to promote subepithelial connective tissue attachment at the transmucosal part of the implant.”

(11)  “Furthermore, it must be queried whether data obtained from a pre-clinical study performed in dogs can be applied to the clinical situation, as the turnover rate of bone remodelling in dogs has been reported to be approximately four times faster than the human turnover rate.”  zitiert in (2) und (6)

(12) “When interpreting the present results, however, one must keep in mind that acute-type defects have a certain tendency towards spontaneous healing, thus supporting bone regeneration in all groups investigated.” zitiert in (2) und (6)

(13) Pressemitteilung vom 10. September 2009 auf www.biovalley.com: „One million SLActive implants and one million individualized Straumann CADCAM elements sold“

(14) Schwarz, Ferrari, Wieland, Sager, Becker, Comparative study on bone regeneration in dehiscence-type defects at chemically modified hydrophilic (SLActive®) or nanostructured (NanoTite®) titanium implants

(15) Gottlow J, Barkarmo S, Sennerby L, Influences of surface properties on osseointegration: A biomechanical and histological study in the rabbit

(16) Steible JI, Der Hund als Tiermodell in der Parodontologie am Beispiel der rekonstruktiven Parodontitistherapie, Diss. 2001, Tierärztliche Hochschule Hannover

(17) D. Buser, N. Broggini, M. Wieland, R.K. Schenk, A.J. Denzer, D.L. Cochran, B. Hoffmann, A. Lussi, S.G. Steinemann,  Enhanced bone apposition to a chemically modified SLA titanium surface, J Dent Res 2004

© Argus! gegen Tierversuche e.V., 12/2009

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