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Agrarpolitik und Tierschutz

 

Alles, was der Mensch den Tieren antut, kommt auf den Menschen wieder zurück. (Pythagoras)

 

Laut Statistik der Food and Agriculture Organization (USA) werden weltweit rund 44 Milliarden "Nutztiere" als Nahrungsmittel verzehrt, der Verbrauch in etlichen kleineren Ländern nicht mitgezählt, ebensowenig Tierarten wie Wild, Pferde, Känguruhs, Strauße, Fische und sämtliche Meerestiere. Eine zusätzliche Milliarde, so die Statistik, starb 1999 vorzeitig infolge der Haltungsbedingungen in der Intensiv-Tierhaltung oder auf dem Weg zu den Schlachthöfen.

Daß ein solcher Fleischkonsum nur unter tierquälerischen Umständen möglich ist, wurde aktuell wiederum deutlich aufgrund der BSE-Erkrankungen. In Deutschland stieg die "Fleischerzeugung" 1999 auf den Rekord von 6,7 Millionen t "Schlachtgewicht". Schätzungen zufolge werden hier pro Arbeitsminute rund 4.000 Tiere nach freudlosem, meist gequältem Dasein zu Nahrungszwecken umgebracht - die Fische wiederum nicht mitgezählt. Dabei wird das Letzte aus den Tieren herausgeholt: Während um 1800 die jährliche Milchleistung pro Kuh 890 l betrug, sind es heute 11.000 l bei kürzerer Lebensdauer und zunehmenden Erkrankungen wie schmerzhaften Euterentzündungen.

Die Ausfuhr lebenden Schlachtviehs aus Deutschland allein nach Ägypten und Libanon erreichte 1999 den Rekord von 336.000 Tieren. Derartige "Ãœberschüsse" gehen mit der brutalsten Mißachtung und Entwertung der Tiere als Produktionsmaschinen einher - Gedanken des Tierschutzes werden allenfalls dann aufgegriffen, wenn dadurch die Gewinne nicht negativ beeinflußt werden. "Handfeste ökonomische Ziele haben die Moral ausgehebelt" - so die in dieser Beziehung seltene Äußerung einer Bundesministerin (A. Fischer) aus Anlaß der BSE-Tragödie. Auch in der diesbezüglich sonst so vornehm zurückhaltenden FAZ konnte man lesen, BSE sei "das Produkt einer maßlos auf Profit ausgerichteten industrialisierten Landwirtschaft, geprägt von Perversion." Der "Verfall der Werte", die Geschichte des Rinderwahnsinns als eine von "Lug und Trug" wird konstatiert.

Zum Lug und Trug, zur "Politik des Hinhaltens und Abwiegelns" (FAZ) gehört beispielsweise eine Stellungnahme der CDU-Landtagsfraktion NRW vom 25.Oktober 2000 zum Thema "Agrarpolitik und Tierschutz", worin man - natürlich vor dem deutschen BSE-Dilemma - lesen mußte: "Tierschutz genießt in der deutschen und nordrhein-westfälischen Landwirtschaft einen großen Stellenwert. Anläßlich des Welttierschutztages am 4. Oktober 2000 wurde deutlich: Noch nie wurden Nutztiere in Deutschland so tiergerecht gehalten wie heute." Gefordert werden dann noch "höhere Tierleistungen".

Hier ist die Inkompetenz der Politik auf den Punkt gebracht.

Doch die eigentlichen Verursacher des Tierelends und der durch die Intensiv-Massentierhaltung bedingten Umweltschäden sind die Verbraucher, die so billig wie nur möglich tierische Erzeugnisse kaufen und die Politiker wählen, die Tierleid fördern, verharmlosen und legalisieren.

Am Ende der agrarindustriellen Maschinerie sind ja die Tiere zu unkenntlichen Fleischbrocken verarbeitet. In Plastik und Dosen verpackt, wird das Fleisch von den Leuten nicht mehr als fühlendes Lebewesen erkannt. Müßten sie der Lebendigkeit dieser Wesen begegnen und sie selbst umbringen, würden sie wohl doch vor ihrer Rohheit erstarren. Dies zu ihren Gunsten.

Doch Hauptsache es schmeckt. Massentierquälerei und -tötung werden verursacht von Konsumgewohnheiten und einer nur äußerst schwer zu korrigierenden Gleichgültigkeit gegenüber Ereignissen, die die allermeisten nicht wahrnehmen müssen.

Die Themen Umweltzerstörung und Tiermißbrauch sind in den letzten Jahren merklich aus dem öffentlichen Bewußtsein verdrängt - ersetzt durch Globalisierung, Innovation, Geld und die banalsten Exaltationen der Spaßgesellschaft. Die Tierhölle bleibt, solange in einer naturentfremdeten Gesellschaft rücksichtsloser Konsum gepredigt und praktiziert wird. Bezeichnend, daß nur durch BSE-Erkrankungen von Menschen die Agrarpolitik nun selbst von führenden Politikern in Frage gestellt wird. Vom Elend der Versuchstiere beispielsweise, denen Fleischproben ins Gehirn gespritzt werden, um deren Infektiösität festzustellen, spricht und schreibt kaum jemand, vom Leid der betroffenen BSE-Rinder und den nun im Akkord notzuschlachtenden Rindern auch nicht. "Vernichten", "Keulen", "Zermusen" - das sind die Wörter der Unmenschen unserer Zeit und unseres Landes, wenn das Umbringen von Millionen von Tieren gemeint ist. Deutsche Leitkultur?

 

Folgerungen

"Damit die Weltgetreideernte in Zukunft für alle reichen kann, werden die reichen Nationen ihren Fleischkonsum reduzieren müssen. Futtermittel für Masthühner, Zuchtfische, Industrieschweine und Intensivhaltungsrinder sind ein (EU-subventionierter) Luxus, den sich nicht mehr als 15 % der Weltbevölkerung leisten können." So die Welthungerhilfe in ihrer Zeitung "Welternährung" (1/97). Der ohnehin überflüssige Fleischkonsum - Fleisch ist kein notwendiger Bestandteil der menschlichen Ernährung - verursacht außerdem einen Großteil der ökologischen Probleme - vom Wälderabholzen bis zur Treibgaserzeugung.

Fleisch-, Milch- und Lederprodukte sowie Eier aus artgerechterer Haltung zu kaufen, ist zwar gut gemeint, funktioniert aber nur solange, wie lediglich eine - wenngleich größer werdende - Minderheit so verfährt. Würden aber die Richtlinien für tiergerechtere Haltungen für alle deutschen Landwirtschaftsbetriebe verbindlich, brauchte man, bei gleichbleibender Verbrauchsmenge, für die dann erforderlichen 170 Millionen Tiere 19.000 qkm mehr, also eine Fläche der Größe von Rheinland-Pfalz: Wegen des Tier/Flächen-Verhältnisses, der um 1/3 größeren Zahl der Tiere aufgrund der längeren Mastdauer und der geringeren Milch- und Eierleistung.

Nach einer anderen Berechnung ist die zusätzlich benötigte Fläche noch größer, weil der Bedarf an Futtermitteln bei den wenig fruchtbaren Böden von den Landwirten meist nicht vollständig selbst gedeckt werden kann, so daß sie Nahrung zukaufen müssen, deren Anbau wiederum Fläche erfordert. Und soll anders als jetzt der gesamte Fleischverbrauch aus heimischer Tierhaltung kommen, müßte man die Zahl der Tiere über die berechneten 170 Millionen hinaus nochmals um mindestens 20 % steigern.

Folglich ist der Weg des wesentlich geringeren Verbrauchs von Tierprodukten - besser: der weitestgehende Verzicht auf diese - der einzig angemessene, noch dazu, wenn man weiß, daß selbst bei den Haltungsrichtlinien der Bio-Verbände das Wohl der Tiere (eben der "Nutztiere") den kommerziellen Interessen untergeordnet ist, und auch vermeintlich "glückliche Kühe" nur solange Milch geben, wie sie schwanger sind. Aber wohin mit den "überschüssigen" Kälbern auch bei der tiergemäßeren Haltung? Vom Elend der Schlachthöfe, der Transporte und dem "Zermusen" der (noch lebenden!) männlichen Küken abgesehen.

"Macht des Verbrauchers" heißt: Sich Schritt für Schritt auf eine vegetarische Lebensweise zuzubewegen, heißt, ein Bewußtsein dafür zu entwickeln, daß Tiere Rechte haben, heißt, die damit verbundenen Konsequenzen nicht weiterhin aus Bequemlichkeit oder finanziellen Kalküls zu verdrängen oder zu übergehen.

 

Neue Agrarpolitik

Doch helfen Aufklärung und Appelle allein? Natürlich nicht. Da muß nachgeholfen werden; zum Beispiel mit einer Sonderabgabe auf Fleisch, analog zur Branntwein- und Tabaksteuer. Die Auswirkungen der Intensiv-Massentierhaltungen auf Tiere und Umwelt sind den Politikern und auch der Bevölkerung bekannt, so daß jeder, der sich trotzdem noch von Fleisch ernährt, durch eine Steuer von etwa 3-5 DM pro kg. an den Folgen für Mensch, Umwelt und Tier zur Rechenschaft zu ziehen ist.

Es gehört zum Versagen der Grünen, eine solche Abgabe in ihr Ökosteuer-Konzept nicht einbezogen zu haben.

Gesellschaft und Staat müssen sich fragen, ob es mit der Würde des Menschen vereinbar ist, ohne existenzielle Not Tiere so zu behandeln und auszubeuten, wie es seit Jahrzehnten geschieht.

Eine grundsätzliche Neuorientierung der Agrarpolitik tut also not. Leitbild muß eine funktionierende bäuerliche Landwirtschaft sein mit einer weit weniger intensiven, tierschutzgerechteren und umweltschonenderen Wirtschaftsweise in einer vielgestaltigen Kulturlandschaft Entsprechende politische und finanzielle Steuerungsinstrumente sind anzuwenden, die eine artgemäßere Tierhaltung ermöglichen, wobei die Gesellschaft, das heißt der Konsument, bereit sein muß, die entsprechenden Mehrkosten zu tragen, also höhere Preise für tierische Erzeugnisse zu akzeptieren, solange diese noch als vermeintlich unabdingbar betrachtet werden.

 

Somit ergeben sich folgende Fragestellungen:

Welche agrarökonomischen und agrarpolitischen Maßnahmen sind erforderlich, um die Intensivhaltung abzubauen und schließlich zu beenden? Sind diese Maßnahmen politisch durchsetzbar? Wie sind dabei die Landwirte als Verbündete zu gewinnen, wie ist ihre Existenzsicherung mit erfolgreichem Tierschutz zu verbinden?

Denn Tierschutz in der Landwirtschaft ist nur durchsetzbar, wenn die Landwirte gut verdienen; nur dann sind sie in der Lage, artgerechter zu produzieren. Und nur dann können die Kommunikationsdefizite zwischen Tierschutz und Landwirtschaft abgebaut werden.

Die Existenzsicherung eines selbständigen Bauerntums in seinen vielfältigen Strukturen darf nicht länger von der Produktionssteigerung und weiteren Intensivierung der Tierhaltung abhängig sein; die Agrarpreise dürfen nicht Antrieb für die Intensivierung sein. Die auf die Tierhaltung bezogenen Direktzahlungen sind bei der konventionellen Haltung abzubauen, bei der tierfreundlichen dagegen zu erhöhen.

Auf der internationalen Ebene bedeutet eine neue Agrarpolitik, daß es nirgendwo möglich sein darf, tierschützerische Vorgaben der Tierhaltung zu umgehen. Globaler Tierschutz in der landwirtschaftlichen Tierhaltung ist also eine Frage der Weltagrarpolitik und des Welthandels.

Das bedeutet: Tierschutz muß ein eigenständiges Ziel der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU und der WTO werden. Fällig ist eine internationale Konvention zum Schutz der Tiere in der Landwirtschaft, abgestimmt mit den großen Tierschutzorganisationen. Notwendig ist ein international anerkanntes Gütesiegel für Erzeugnisse aus artgerechter Tierhaltung.

Innerhalb der EU sind die weitestgehenden Tierschutzbestimmungen eines Mitgliedstaates heranzuziehen als Maßstab für die Verordnungen der Union. Kein Import von Schlacht- und "Nutztieren" sowie von tierischen Produkten aus Drittländern, wenn in diesen Ländern der Tierschutz weder bei der Haltung noch beim Transport der Tiere dem EU-Standard entspricht.

In Deutschland ist der Schutz der Tiere und ihrer Lebensräume endlich im Grundgesetz als Staatsziel zu verankern, um das Tierschutzgesetz durchsetzen zu können.

An wirtschaftlichen Maßnahmen sind u.a. zu nennen: Großzügige Förderprogramme für artgerechte und umweltschonende Tierhaltungen sowie für die regionale Verarbeitung und Vermarktung; Streichung der Exportsubventionen für Lebendvieh. Administrativ: Erlaß wirksamer Verordnungen zum Schutz der "Nutztiere", die dem § 2 des Tierschutzgesetzes gerecht werden; Beschränkung von Lebendschlachtvieh-Transporten auf 6 Stunden Dauer; Verbot der Anwendung gentechnischer Methoden bei der Tierzucht; Prüfung aller Haltungssysteme wie Ställe und Stalleinrichtungen vor ihrer Zulassung hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf Tiergesundheit und Tierschutz ; Kennzeichnungspflicht für alle Lebensmittel tierischen Ursprungs nach deren Herstellungsweise.

Um dem Ziel Abschaffung der tierquälerischen Intensivhaltung näherzukommen, ist also eine Kombination wirtschaftlicher Anreize mit einhergehenden Verboten erforderlich.

Voraussetzung für ein Gelingen ist eine grundlegend neue Auffassung über das Verhältnis von Mensch und Tier.

 

Edgar Guhde

 

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