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Im Visier: Schule und außerschulische Erziehung – Jäger auf dem Vormarsch

 

 „Die Lernort Natur-Initiative als das PR-Mittel für eine gelungene Öffentlichkeitsarbeit der Jagdverbände“ (Seminar für Jäger/Jägerinnen, 2007)

 

 „Das Wild soll eine Chance haben, mit dem Leben davon zu kommen.“ (Hegegemeinschaft Lüdertal an einem Jagdabend mit Kindern, Aug. 2007)

 

Mein erstes unfreiwilliges „Jagderlebnis“, eine Treibjagd, hatte ich als elfjähriges Kind in den 70er Jahren. Ich radelte durch die Felder nach Hause und sah, wie sich mit Gewehren bewaffnete Männer um einen Acker herum postierten. Erschreckt blieb ich stehen, weil ich an Krieg denken musste, aber gegen wen, hier auf den Feldern? Plötzlich Lärm, Pfiffe, Gejohle am Acker, ein einzelner Feldhase springt in der Mitte des Ackers auf und rennt los, Männer mit Gewehren fangen an zu schießen. In Panik schlägt der Hase Haken, weiß nicht, wohin er flüchten soll, denn egal, wohin er zu entkommen versucht, die Männer schießen auf ihn. Der Hase wird getroffen, überschlägt sich und schreit wie ein Kind - ein Schrei, den ich nie vergessen werde. Der Hase rappelt sich wieder hoch, wird erneut getroffen und bleibt dann liegen. Es war und ist die mit Abstand feigste und erbärmlichste Tat gegenüber einem wehrlosen Tier, die ich jemals mit eigenen Augen gesehen habe.

 

„Aus tierschützerischer Sicht gibt es in der Tat nicht viele Worte über die Jagd zu verlieren: Die Jagd ist heute nichts anderes als ein Massaker an fühlenden und wehrlosen Lebewesen und hat den einzigen Zweck, dem Vergnügen der Jäger zu dienen; der „Jagdsport“ ist Barbarei.“ (Carlo Consiglio, Vom Widersinn der Jagd, 2001)

 

Mehr als dreißig Jahre nach meinem ersten Jagderlebnis mussten wir als Eltern zweier Grundschulkinder die Erfahrung machen, dass die Leute, die auch heute noch im Rahmen der Hobby-Jagd Millionen Wildtiere und Hunderttausende Haustiere auf verschiedene Arten grausam, feige und hinterhältig töten, in Kindergärten, Schulen und Jugendfreizeiten auftreten, als sei die Jagd praktizierter Natur- und Tierschutz und als seien Hobby-Jäger lediglich der kernige, verantwortungsbewusste Ausgleich zur steigenden Zahl naturentfremdeter Stubenhocker, deren Alltag von Fernsehen, Game Boy und Co. bestimmt wird („Wird es draußen frostig und ungemütlich, lockt es die meisten Menschen in die warme Stube – nicht aber die Jäger! Sie zieht es gerade in der kalten Jahreszeit in die Natur.“ Pressemitteilung des Deutschen Jagdschutz-Verbandes, Dez. 2007)

Seit 1991 sind Jäger/Jägerinnen des Deutschen Jagdschutz-Verbandes (DJV) mit „Lernort Natur“- Mobilen unterwegs, ausgerüstet mit ausgestopften Tieren und Unterrichtsmaterialien: „Wenn der Jäger vor die Klasse tritt, wird er sich zuerst einmal vorstellen und den Kindern sagen, was ihm besonders am Herzen liegt, nämlich die Natur, die Wildtiere und die Jagd“ (aus: www.jagdnetz.de) Im „Lernort Natur“-Unterricht soll eine „angemessene Vermittlung der Jagd“ stattfinden, soll heißen, dass die Jägerschaft die grausigen Details der Jagdausübung und die Tierquälereien bei der Jagdhundeausbildung oder der Fallenjagd verschweigt, wenn sie in Kindergärten oder vor Schulkindern auftritt. Da muss der Jäger/die Jägerin auch schon mal die verbale Quadratur des Kreises wagen: „Es geht mir nicht ums Töten. Es geht beim Jagen ums Beute machen.“ (ein Jäger der Kreisjägerschaft Düsseldorf zu Grundschulkindern bei Lernort Natur, Sept. 2007), „Ich bin nicht für die Massentierhaltung – das Leben der Tiere sollte entsprechend gewürdigt werden.“ (Der Pressesprecher des Meerbuscher Hegerings in einem Zeitungsartikel zur Ankündigung der „Rollenden Waldschule“ in verschiedenen Grundschulen, Nov. 2006).

Grundschulen  sind ein sehr beliebtes Jägerziel, denn Kinder können bei der Argumentation pro Jagd noch nicht Wahrheit von Dichtung unterscheiden, und über die untrennbar mit der Jagdausübung verbundenen Grausamkeiten gegenüber Tieren schweigt die Jägerschaft im Schulunterricht. Sehr zur Freude mancher Schulleitungen und Lehrkräfte, die zu bequem sind (oder vielleicht Hobby-Jäger in den eigenen Reihen, im Förderverein etc. haben), um sich über das zweifelhafte ethische und ökologische Gedankengut zu informieren, das sie mit den Hobby-Jägern in den Schulunterricht holen. Da nicken Lehrerinnen/Lehrer artig, wenn der Jäger von der „Rollenden Waldschule“ zum Beispiel das Märchen erzählt, dass die Jäger Frettchen in Kaninchenbaue schicken, damit die Jäger am Ausgang des Baus bei den flüchtenden Kaninchen feststellen können, ob es Männchen oder Weibchen ist (Beispiel aus dem „Rollende Waldschule“-Unterricht in der vierten Klasse unserer Tochter, Dez. 2006). Im November 2005 hatte ein Jäger der „Rollenden Waldschule“ in der vierten Klasse unseres Sohnes geschildert, wie die Jäger Frettchen in Kaninchenbaue schicken und sich dann mit Gewehren am Ausgang des Baus postieren, um die flüchtenden Kaninchen abzuschießen - die anwesenden Klassenlehrerinnen empfanden dieses praxisnahe Beispiel für angewandte Hinterhältigkeit und Feigheit als unproblematisch den Kindern gegenüber und schwiegen brav.

Auch in Kindergärten nutzt die Jägerschaft die Chance, schon die Jüngsten mit dem Begriff „Jäger“ vertraut zu machen. Ich selber habe es bei einer Waldwanderung mit der Kindergarten-Gruppe unseres Sohnes erlebt. Der begleitende Förster stellte sich und seinen Kollegen gleich als Jäger vor und präsentierte ein Frettchen, das alle Kinder streicheln durften. Lerninhalt: Der Jäger ist ein netter Onkel mit einem putzigen Tierchen, das sich streicheln lässt. Im Bundesland Thüringen ging es im Februar 2007 etwas aufwendiger her: Das Landwirtschaftsministerium, der Thüringer Landesjagdverband und die Messe Erfurt („Reiten–Jagen–Fischen“) schrieben gemeinsam einen Malwettbewerb für Vorschulkinder aus, Motto „Kinder malen den Jäger“, mit dem Ziel „den Nachwuchs frühzeitig für das Berufsbild des Jägers zu begeistern“. Als erster Preis winkte ein „echter Hochsitz“, der im Kindergarten als Baumhaus benutzt werden sollte. Lernziel: Es macht viel Spaß, Jäger/ Jägerin zu sein, und der Hochsitz ist ein tolles Klettergerät. Natürlich hat keiner den Vorschulkindern gesagt, dass von Hochsitzen aus der größte Teil des Schalenwildes in Deutschland geschossen wird, zum Beispiel Rothirsche, Rehe oder Wildschweine, und dass vor Hochsitzen oft ganzjährig Futterstellen angelegt werden, sodass die Jäger die Tiere, die gerade Nahrung aufnehmen, bequem abschießen können.

Die Offene Ganztagsschule (OGS) ist ebenfalls interessant für den Deutschen Jagdschutz-Verband. In einer Ankündigung für das Seminar „Lernort Natur an der Offenen Ganztagsschule“ (im März 2008) heißt es: „Die Einführung der OGS schreitet in zahlreichen Bundesländern voran. Das Interessante an diesem Modell: Die Nachmittagsbetreuung wird hauptsächlich von Vereinen und Privatpersonen gestaltet, nicht von Lehrern und Lehrerinnen. Für Lernort Natur ergeben sich damit vielfältige Möglichkeiten, um den Bereich der Natur- und Umweltbildung mit einem eigenen Angebot auszufüllen.“ Einige Landesjagdverbände sollen bereits mit Ganztagsschulen kooperieren.

 

Jugendwaldheime in Nordrhein-Westfalen: „Jagd als Wildtiermanagement

 

Für Nordrhein-Westfalen sind noch die fünf Jugendwaldheime erwähnenswert, die jährlich ca. 6.000 Kinder betreuen. Einer der Themenschwerpunkte im Unterricht der Jugendwaldheime ist die „Jagdkunde“: 1. Notwendigkeit der Jagd, 2. Jagdmethoden, 3. Wildhege, 4. der Hund als Gehilfe des Jägers. Außerdem helfen die Schülerinnen und Schüler beim „Herstellen und Reparieren jagdlicher Einrichtungen“, zum Beispiel Hochsitzen, mit (aus: Pädagogische Leitlinien für den Betrieb der JWHe der Landesforstverwaltung NRW). Als unser Sohn von einer Klassenfahrt ins Jugendwaldheim Urft / Eifel zurück kehrte (Sept. 2004, dritte Schuljahr), berichtete er uns, was der Leiter des Jugendwaldheims (gleichzeitig Förster und Jäger) den Kindern beigebracht hatte:

Die Kinder sollten in einem Arbeitsblatt schriftlich drei Gründe nennen, warum die Jäger Wild schießen(weil die Tiere sich sonst zu stark vermehren, damit kranke Tiere nicht leiden, weil nicht genug Nahrung für die Tiere vorhanden ist). Der Jugendwaldheimsleiter besprach mit den Schulkindern den theoretischen Teil eines „Blattschusses“, also wie man auf ein Tier anlegt und wie die Kugel sitzen muss, damit das Tier direkt tot ist und durch wie viele Gewebeschichten die Kugel bei einem solchen Schuss dringt. Er erzählte den Kindern zwei Jagdgeschichten von angeschossenen Hirschen, die er mit seinem Jagdhund verfolgt und dann erschossen hatte. Der Jugendwalsheimsleiter zeigte den Kindern das Foto eines im Gras liegenden toten Hirsches, des größten und stärksten Geweihhirsches, den ein Kollege von ihm erlegt hatte. Und Hochsitze seien zum Beobachten von Wild da, sagte er. Eine „lustige“ Geschichte des Jugendwaldheimsleiters gab unser Sohn folgendermaßen wieder: Der Leiter des Jugendwaldheims hatte einen Freund, der einen Bären schießen wollte. Da es in Deutschland keine Bären mehr gibt, fuhr der Jäger in ein anderes Land, aber auch dort lief ihm kein Bär vor die Flinte. Zum Glück hatte der Jäger Freunde, die ihm helfen wollten. Sie kauften im Zirkus einen Bären, ketteten ihn im Wald an einen Baum und warteten bis zur Dämmerung. Dann machten sie den Zirkusbären los und trieben ihn auf eine Lichtung, wo der Jäger auf einem Hochsitz saß. Genau in diesem Augenblick kam eine Frau mit ihrem Fahrrad vorbei, sah den Bären und ließ vor Schreck das Fahrrad fallen. Der Zirkusbär nahm sich das Fahrrad und fuhr davon. Diese „Bärengeschichte“ erzählte der Leiter des Jugendwaldheims noch zwei Jahre später, als die Klasse unserer Tochter eine Woche in Urft verbrachte (Aug. 2006, vierte Klasse), wie uns eine ihrer Klassenkameradinnen bestätigte. Unsere Tochter selbst war von der Klassenfahrt ins Jugendwaldheim ausgeschlossen worden, kurz nachdem wir bei der Schulleitung nachgefragt hatten, ob die Erste-Hilfe-Kenntnisse der Begleitpersonen dem aktuellen Stand entsprächen und welches Konzept die Schule gegen die ethisch bedenkliche und einseitige Beeinflussung pro Jagd im Unterricht des Jugendwaldheims entwickelt habe.

Der Versuch, die „Pädagogischen Leitlinien“ für Jugendwaldheime in NRW dahingehend zu ändern, dass auch die tierschützerische und ökologische Kritik an der Jagd umfassend vermittelt wird, ist nach Ernennung von Eckhardt Uhlenberg zum NRW-Umweltminister (CDU) im Jahr 2005 gescheitert – er ist Jäger. Der Pressesprecher der Landesforstverwaltung NRW, zu der die Jugendwaldheime gehören, drückte es in einem Antwortschreiben vom Mai 2006 an uns so aus: „Wir halten das Vermitteln grundsätzlicher tierschützerischer oder ökologischer Kritik an der Jagd nicht für unsere Aufgabe, wohl aber die Beachtung tierschützerischer oder ökologischer Aspekte bei der Jagd. Letztere werden auch im Rahmen unserer Aufklärungsarbeit vermittelt ... Als im und mit dem Wald arbeitende Institution sehen wir es aber auch gerade als unsere Pflicht an, Kinder über die Bedeutung der Jagd als Wildtiermanagement für den Wald und seine Zusammensetzung aufzuklären.  

 

„Die Mythen der Hobby-Jäger sind nichts anderes als der Versuch, die Fortsetzung der Naturausbeutung mit falschen Argumenten zu legitimieren.“ (Karl-Heinz Loske, 2006)

 

Entgegen den Naturschutzmythen, die Presse, Funk und Fernsehen für den Deutschen Jagdschutz-Verband verbreiten, gehen Hobby-Jäger auf die Jagd, weil es ihnen Spaß macht, Tiere zu töten. Die Lust an der Jagd ergibt sich aus vielen Jagdbeschreibungen. Auf Kosten von schmerzempfindenden Lebewesen empfinden Jäger Freude und Glück:

 „Warum stehen wir nicht endlich mehr zu Sinn und Zweck unserer Jagdausübung? ... Jagd ist eben nicht in erster Linie Hegen, sondern ganz im ursprünglichen Sinn Beutemachen, und Beute wollen wir doch machen. Es ist nicht verwerflich, Freude zu empfinden, wenn es gelungen ist, ein Stück Wild zu erlegen.“ ( WILD UND HUND, 13/ 2001)

Die Jagd darf und soll auch Freude machen. All denen, die Jagd auf eine Form der Schädlingsbekämpfung reduzieren wollen, erteilen wir eine klare Absage.“ (Jäger und NRW-Landwirtschafts- und Umweltminister Eckhard Uhlenberg, 2006)

Beim Erlegen des Wildes erleben die Jäger einen Kick und zu dem sollten sie sich bekennen.“ ( WILD UND HUND, 24/2003, „Keine Angst vor der Lust“, Artikel über die Doktorarbeit eines Jägers)

Seit meinen ersten Jagdabenteuern weiß ich: Jagd eröffnet einen Freiraum für Verbrechen bis zum Mord und für sexuelle Lust, wann und wo immer gejagt wird. ... Die wirkliche Jagd ist ohne vorsätzliche Tötung nicht zu haben. Leidenschaftlich Jagende wollen töten.“ (Paul Parin, Jäger, Neurologe, Psychoanalytiker und Schriftsteller in seinem Buch Die Leidenschaft des Jägers, 2003)
Nun kann ein Jäger/eine Jägerin der „Rollenden Waldschule“ vor einer Schulklasse schlecht sagen, also mein Hobby, das Beutemachen von Tieren, die ich durch Erschießen, Erschlagen, Abstechen oder grausamen Fallenfang töte, bereitet mir Freude, dabei erlebe ich einen Kick, und Jagen ist geil. Politisch korrekt ließ daher der Bundesjägertag 2006 festschreiben: „Die geeignete pädagogische altersgerechte Vermittlung des Themas der Jagd als nachhaltige Nutzung ist Bestandteil von Lernort Natur: Schutz durch Nutzung muss mit Beispielen und pädagogisch / didaktischen Maßnahmen verdeutlicht werden.“ Und beim Bundesjägertag 2007 sagte DJV-Präsident Borchert über die Funktion der „Lernort Natur“-Initiative: „Gleichzeitig legen wir damit den Grundstein für ein breites positives Verständnis von Naturnutzung und Jagd. ... Aber Schulkinder und Jugendliche müssen erst verstehen, wie Natur funktioniert, damit sie die Natur schützen können, damit sie nachhaltige Nutzung der Natur akzeptieren und verstehen“. In nur zwei Sätzen entlarvt der Jäger-Präsident den sorgsam gehegten Naturschutz-Mythos seiner Klientel, denn der ethische Tierschutz und Pflanzenschutz und der gesamte Naturschutz sind selbstlos, also nicht auf Nutzen gerichtet. Ökonomie dagegen ist Nutzung, ist auf wirtschaftlichen Erfolg des Menschen gerichtet und widerspricht vom Wesen her der Ökologie. Als Interessenten von „Nutzwild“ sind Jäger keine Naturschützer. Selbst wenn Jäger/Jägerinnen Feuchtbiotope, Hecken und Feldgehölze mit privaten Mitteln anlegen, hat das nichts mit Naturschutz zu tun und funktioniert nur, „solange die Jagd auch Freude macht; denn ohne die Triebfeder der jagdlichen Passion … wäre es um das private Engagement schlecht bestellt.“ (NRW-Umweltminister Uhlenberg, 2006) 

Um solch hässliche Wahrheiten zu tarnen, erklären die Jäger Kindern und Jugendlichen, wie die Natur aus Sicht des Deutschen Jagdschutz-Verbandes funktioniert. Ökologische Forschungsergebnisse, die den jagdlichen Vorstellungen und Zielen widersprechen, werden verdreht oder verfälscht. Die Jäger erfinden Jagdmythen, die sie ständig wiederholen: „Die Mythen der Hobby-Jäger sind nichts anderes als der Versuch, die Fortsetzung der Naturausbeutung mit falschen Argumenten zu legitimieren.“ (Karl-Heiz Loske, Von der Jagd und den Jägern, 2006)

In (Grund-)Schulklassen erzählen die Jäger/Jägerinnen von „Lernort Natur“ / der „Rollenden Waldschule“ unter anderem folgende Mythen:

  • Die Jäger stünden in ausgleichender Funktion zwischen Beutetieren (Hase, Fasan etc.) und Beutegreifern (Bussard, Elster, Fuchs etc.), um einen gesunden und artenreichen Wildbestand zu erhalten („Ein Raubtier frisst alles, was es kriegen kann. Und wenn das zuviel wird, muss der Jäger einschreiten. Sonst ist Unruhe im Revier.“) – richtig ist: Es gibt keinen vernünftigen Grund, Beutegreifer abzuschießen, denn ihr Bestand wird ohnehin durch die vorhandene Nahrungsmenge eingeschränkt. Unruhe entsteht nur beim Jäger, der Angst hat, die Beutegreifer könnten ihm wegnehmen, was er gerne töten möchte („auch der Wunsch nach besseren Niederwildstrecken ist ein legitimes Anliegen“, NRW-Landwirtschaftsminister Uhlenberg zur Bejagung von Beutegreifern mit Flinte und Falle, 2006)
  • Jäger müssten Tiere schießen, sonst würden die Tiere sich zu stark vermehren; die Jäger müssten das Gleichgewicht in der Natur wieder herstellen, das durch die Anlage großer Felder und das Zurückdrängen des Waldes gestört sei – richtig ist: Tierbestände regulieren sich selbst in der Kulturlandschaft ohne Zutun des Menschen, z. B. aufgrund des Nahrungsangebots. Sollte die Tragfähigkeit eines Habitats zeitweilig überschritten sein, hat die Natur vorgesorgt, indem es zu erhöhter Sterblichkeit, Fortpflanzungsverzicht oder Fruchtbarkeitsverlust kommt, oder die Tiere abwandern, je nach Art, Habitat und Rahmenbedingungen ist alles möglich.  
  • Füchse müssten gejagt werden, weil sie die Tollwut und den Fuchsbandwurm übertragen können - richtig ist: Erst die Fuchsjagd hat in Europa die Verbreitung der Tollwut gefördert (höhere Nachwuchszahlen, weil viele Füchse durch die Jagd getötet werden, dadurch mehr Jungfüchse, die sich ein eigenes Revier suchen und die Tollwut in neue Gebiete einschleppen können); gestoppt wurde die Tollwut durch tierfreundliche Impfköder. Die Gefahr, sich mit dem Fuchsbandwurm zu infizieren, ist extrem gering (vieles deutet darauf hin, dass die Risikogruppe Jäger sind, die Bandwurmeier einatmen, wenn sie einem Fuchs das Fell über die Ohren ziehen). Schutzmaßnahme für Menschen: Frisch gepflückte Waldbeeren nur abgekocht essen. Schutzmaßnahme für Füchse: Entwurmungsköder, die eine orale Entwurmungskur verabreichen.
  • Zu den Aufgaben des Jägers gehöre es unter anderem, die Ausbreitung von Seuchen zu verhindern – richtig ist: Die Jagd kann Wildseuchen überhaupt nicht beeinflussen.
  • Wildschweine und Rehe müssten abgeschossen werden, weil sie Schäden auf Äckern und an Bäumen anrichten würden – richtig ist: Die Jäger sorgen durch Fütterung von Rehen und Wildschweinen für einen unnatürlich hohen Bestand (bundesweit geschätzte 20.000 bis 30.000 Tonnen Mais nur für Lockfutter für Wildschweine), und die verstärkte Bejagung führt zu häufigerem Nachwuchs. Der starke Jagddruck treibt die Rehe erst in den Wald hinein und kostet sie eine Menge zusätzlicher Energie, die durch Verbiss aufgebracht werden muss. Außerdem ist bekannt, dass zwischen der Wildtierfütterung und Wildschäden an Wald und landwirtschaftlichen Kulturen ein enger Zusammenhang besteht. In Revieren, in denen intensiv gefüttert wird, treten in der Regel auch besonders hohe Schäden im Umkreis der Fütterung auf. Wildschäden werden bewusst provoziert, um die Jagdzeiten zu verlängern.

 

 

Der LERNORT NATUR-Koffer

 

Da die Jägerschaft weiß, „dass die Jagd in Deutschland mittelfristig nur bestehen kann, wenn die Jäger in der Bevölkerung die nötige Akzeptanz, einen starken Rückhalt haben“, dieser aber nicht von alleine kommt (DJV-Präsident Borchert, 2007), müssen sich die Hobby-Jäger immer wieder neue Wege für die Verbreitung ihrer Jagdmythen einfallen lassen. Das Neueste ist der „Lernort Natur-Koffer“, ein „Themenkoffer“, der von Jägern speziell für den Einsatz an Grundschulen zusammengestellt wurde und von der neuen DJV-Stiftung „natur + mensch“ finanziert wird: „Mit dem Koffer wandert ein Stück Lernort Natur dauerhaft in die Schulen. Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass der Koffer geeignet ist, noch mehr Menschen, insbesondere Eltern und Lehrer, für das Engagement der Jäger zu interessieren“ (Borchert, 2007). Die Jäger-Stiftung „natur + mensch“ stattet in enger Abstimmung mit der Jägerschaft Grundschulen mit diesem Koffer aus. Dem Projekt vorausgegangen war eine Spendenaktion unter den Mitgliedern des Landesjagdverbandes NRW. Folglich wurde das Kofferprojekt auch in Nordrhein-Westfalen gestartet, dem mit rund 81.000 Jagdscheininhabern, davon rund 60.500 DJV-Mitgliedern, jägerreichsten Bundesland mit mindestens vier DJV-Interessenvertretern in der NRW-Landesregierung: Ministerpräsident Rüttgers (CDU), Schulministerin Sommer (CDU), Verkehrsminister Wittke (CDU) und Landwirtschaftsminister Uhlenberg (CDU; Die Ausübung der Jagd ist nicht nur dort gerechtfertigt, wo sie biologisch notwendig ist, sondern auch da sinnvoll, wo sie ohne Schaden für Tierschutz, Natur und Kultur betrieben wird! Das ist die Position der neuen Landesregierung!“, Uhlenberg, 2006).

Der „Lernort Natur“-Koffer soll auch in Baden-Württemberg, Hessen und Rheinland-Pfalz eingesetzt werden.

 

„Die Jagd ist eines der sichersten Mittel, das Gefühl der Menschen für ihre Mitgeschöpfe abzutöten“ (Voltaire, franz. Philosoph, 1694 – 1778)

 

Nach eigenen Angaben erreichen „Lernort Natur“-Mobile jedes Jahr ca. 150.000 Schulkinder. Unterschwellig gefährlich ist, dass Schulen und außerschulische Erziehungsangebote kritiklos den Jägern eine Plattform anbieten, um Kindern und Jugendlichen das Töten und „Beutemachen“ von Tieren als respektable Freizeitbeschäftigung vorzustellen und den Gebrauch von Schusswaffen als akzeptable Form von Problemlösung anzubieten (wer als „Raubtier“, „Schädling“ oder „zuviel“ eingestuft wird, wird getötet).

Welche Beispiele und pädagogisch-didaktischen Maßnahmen die Jäger/Jägerinnen der „Rollenden Waldschule“ für die „altersgerechte Vermittlung des Themas der Jagd“ geeignet halten, ist ganz verschieden. So schwankt die Antwort auf die Kinderfrage, warum der Jäger/ die Jägerin Tiere erschießt, zwischen blanker Lüge („wir schießen nur hin und wieder mal ein krankes Tier“), ökologischem Unsinn („weil die Tiere sich sonst zu stark vermehren“) und brutaler Ehrlichkeit: Besseres Image für Jäger ‚Warum erschießt du Tiere?’, fragen die Kinder Dietrich Holpert. Das fragen sie oft, wenn er mit ihnen den Wald erkundet. Weil ich gerne mal einen Rehbraten esse’, antwortet er.“  (Artikel über Grundschüler und eine Info-Woche im Wildpark mit der Kreisjägerschaf Düsseldorf, Rheinische Post, 4. Sept. 2007). Dasselbe erzählte eine Klassenlehrerin nahezu zeitgleich der Schulklasse, die unsere Tochter jetzt besucht (fünfte Klasse Gesamtschule): Die Lehrerin gab am Anfang des Schuljahres unaufgefordert bekannt, dass sie Jägerin sei, und auf die Frage, warum sie Tiere schieße, antwortete sie, weil sie gerne Rehbraten esse. In einer Mathematikstunde brachte sie ein Wildschweinfell mit, dessen ursprünglichen Bewohner ihr Lebensgefährte erschossen hatte; das Wildschwein hätten sie aufgegessen, überhaupt sei Wildschwein sehr lecker, erfuhren die Fünftklässler. Angst, Leiden und Sterben der Tiere werden dabei perfekt verdrängt. Lerninhalt: Wenn du etwas haben willst, worauf du gerade Lust hast, nimm es dir, wenn nötig auch mit Waffengewalt – ein Verhalten, dass man normalerweise versucht, Psychopathen abzutrainieren. Aber Jagd ist schließlich auch kein Ausdruck von Tierliebe oder Achtung vor dem Mitgeschöpf.

Andere Jäger/Jägerinnen bleiben nicht nur bei Naturkunde und Tierbestimmung, sondern gehen explizit auf die Jagdarten ein: „Auch die Jagdarten, wie beispielsweise die Ansitzjagd, Baujagd und Gesellschaftsjagd, sowie die Pirsch und die Jagd mit Frettchen werden in der Unterrichtsstunde der „Rollenden Waldschule“ vorgestellt.“ (Pressetext des Meerbuscher „Hegerings“, Nov. 2006).

Manche „Hegeringe“ kommen direkt zur Sache, wie bei der Ferienpass-Aktion der Gemeinde Großenlüder im August 2007. 22 Kinder im Alter von 10 bis 12 Jahren durften ihren „eigenen“ Jäger auf einem Jagdabend begleiten, wie die ‚Fuldaer Zeitung’ (8.8.07) unter dem Titel „Überhaupt nicht langweilig“ berichtete: „Da konnte schon im Gespräch beim Anmarsch unter vier Augen geklärt werden, ob der junge Begleiter das Wild lieber beobachten möchte oder gar am Beutemachen interessiert ist. ... Ein Kind erlebt sogar, wie ein Rehbock erlegt wird.“ Diese pädagogisch-didaktische Maßnahme zur „altersgerechten Vermittlung des Themas der Jagd“ ist naheliegend, denn von ihrem Ursprung und Inhalt her bedeutet Jagd stets Töten. So liegt der Schwerpunkt der Jäger-Ausbildung auch bei der Ausbildung an der Waffe, dem Erlernen des Schießens und der Kenntnis von Munition und allem Zubehör. Selbst manches Kind kennt sich schon ganz gut aus, wie der ‚Fuldaer Zeitung’ zu entnehmen war: „’Ist das eine Mauser?’ fragt Ronny Schneider, als sein ‚Jagdführer’ das Gewehr aus dem Auto holt. Und gleich danach folgt noch die Frage nach dem Kaliber der Waffe. Woher er solche Details weiß? ‚Aus dem Internet’, antwortet der bald Elfjährige.

 

 

 „Für die Befürchtung, dass durch einen Unterricht, bei dem das Thema Jagd behandelt wird, die Hemmschwelle zu Töten und Gewalt herabgesetzt wird, besteht kein Anlass.“(NRW-Landesregierung, 1994)

 

Im Jahr 1994 richteten die GRÜNEN in Nordrhein-Westfalen eine Kleine Anfrage zum Thema „Unterricht durch Jäger?“ an die NRW-Landesregierung. Eine Frage lautete: „Was gedenkt die Landesregierung in Zeiten zunehmender Gewalt in den Schulen gegen die Beeinflussung der Kinder und Jugendlichen durch eine bewaffnete Interessengruppe zu unternehmen?“ Anlass zur Kleinen Anfrage war schon damals die Befürchtung, dass durch einen Unterricht, bei dem der Einsatz von Feuerwaffen idealisiert werde, die Hemmschwelle zu Töten und Gewalt herabgesetzt werde. Gerade in Zeiten zunehmender Gewaltbereitschaft müsse Sorge getragen werden, Kinder und Jugendliche im Sinne eines verantwortlichen Umgangs mit der Natur zur Achtung jeglicher Form von Leben zu erziehen. Die damalige NRW-Landesregierung antwortete knapp und ohne Begründung: „Für die Befürchtung, dass durch einen Unterricht, bei dem das Thema Jagd behandelt wird, die Hemmschwelle zu Töten und Gewalt herabgesetzt wird, besteht kein Anlass.“

Heute, 14 Jahre später, sind die Befürchtungen von damals aktueller denn je. Wie sehr die Hemmschwellen zu Gewalt und Töten herabgesetzt sind, kann man fast täglich in der Zeitung lesen: Allgemeine Rücksichtslosigkeit, verbale und physische Aggressionen schon wegen Kleinigkeiten nehmen zu, auch an Schulen. Da wirken die Aktivitäten des Deutschen Jagdschutz-Verbandes in schulischer und außerschulischer Erziehung geradezu als pädagogische Faust aufs Auge, denn das, was die Jagd-Hegeringe als „Problemlösung“ anbieten – oft ansprechend verpackt mit angeblichem Naturschutz und Pseudo-Ökologie – heißt immer Gewalt gegen Schwächere und Töten („Hege“ ist die Vorbereitungshandlung des Tötens). Dieses Gedankengut ist mit anerkannten Erziehungszielen nicht zu vereinbaren, zum Beispiel der Entwicklung menschlichen Mitgefühls, der Erziehung zu gewaltfreier Problemlösung, der Verantwortung für Natur und Tiere, dem Erkennen ökologischer Zusammenhänge.

In den letzten Jahren ist oft diskutiert worden, inwieweit Killer-Computerspiele die Bereitschaft zu Gewalt und Töten gesteigert haben. Eine größere Debatte wurde im November 2006 geführt, als der 18jährige Amokläufer Sebastian B., ausgerüstet mit zwei abgesägten Gewehren, zwei weiteren Waffen, einem Messer, 10 Rohrbomben und einem Molotowcocktail, in Emsdetten an seiner alten Schule 37 Menschen zum Teil schwer verletzte und sich anschließend erschoss. Keine 24 Stunden danach forderten Politiker ein Verbot von Computerkillerspielen, denn die waren die Leidenschaft des Waffennarrs Sebastian B.gewesen. Worüber Presse, Funk und Fernsehen schwiegen, war das reale Killerspiel, das Sebastian B. oft zusammen mit seinem Vater spielte: In diesem realen Killerspiel sind die Spieler Heckenschützen, die ahnungslose und wehrlose Lebewesen abballern, wobei die Spieler aus mehreren Tötungs-Kategorien wählen können. Ziel ist es, möglichst viele oder besonders prächtige Stücke zur Strecke zu bringen. Im wirklichen Leben ist Sebastian B. mit seinem Vater, einem Hobby-Jäger, oft zur Jagd gegangen. Aber keiner der Politiker, die im November 2006 vehement ein Verbot von virtuellen Killerspielen wie „Doom 3“ forderten, hat gleichzeitig ein Verbot des realen Killerspiels „Jagd“ gefordert, dessen Spieler und Spielerinnen in Deutschland jedes Jahr ca. fünf Millionen Wildtiere, ca. 300.000 Hauskatzen, ca. 40.000 Hunde und ca. 40 Menschen töten. Darüber schweigen Politiker und Politikerinnen nicht nur, sondern fördern dieses Killerspiel in einem Maße, dass DJV-Präsident Borchert beim Bundesjägertag 2007 zufrieden verkünden durfte, dass sich die Jägerschaft „in einer politisch günstigen, jagdfreundlichen Situation auf der Bundes- und der Länderebe“ befinde.

 

 

„Die größte Gefahr für das Bestehen der Jagd ist die Vernunft.“ (Paul Parin, Jäger, Neurologe, Psychoanalytiker und Schriftsteller, 2003)

 

In Zeiten überaus jagdfreundlicher Politik auf Landes- und Bundesebene ist es besonders wichtig, dass Eltern ihre Meinung sagen, wenn Jäger/Jägerinnen mit der „Rollenden Waldschule“ zum Schulunterricht eingeladen werden. Dasselbe gilt für Jäger-Auftritte in Kindergärten oder bei der Jugend-Freizeitgestaltung. Eltern, die ihr Kind bei einer Grundschule oder weiterführenden Schule anmelden möchten, können zum Beispiel vorher fragen, ob der Besuch der „Rollenden Waldschule“ an der Schule Tradition hat und ob Tierschutz- oder Tierrechtsgruppen ebenfalls eingeladen werden, um einseitige Beeinflussung im Unterricht zu vermeiden.

Die ständig in Tageszeitungen und Wochenblättern erscheinenden Pressetexte der lokalen „Hegeringe“, die sich und ihre jagdpädagogische Arbeit mit Schulkindern feiern, bieten immer wieder Anlass, Leserbriefe zu schreiben und der Öffentlichkeit mitzuteilen, was man von Jägerunterricht für Schulkinder hält.

Wichtig ist auch, dass Sie uns mitteilen, welche Erfahrungen Sie als Eltern in den verschiedenen Bundesländern gemacht haben, zum Beispiel, welche Jagdmythen die Jäger der „Rollenden Waldschule“ den Kindern erzählt haben, wie Lehrkräfte und/oder Schulleitung auf Ihre Einwände reagiert haben, ob Sie bereits eine Dienstaufsichtsbeschwerde geschrieben haben (in NRW z.B. ist laut Schulgesetz die einseitige Beeinflussung von Schülerinnen und Schülern verboten), wie das Schulamt reagiert hat, damit wir diese Informationen auswerten und bundesweit veröffentlichen können.

 

Elke Mertens

Januar 2008

                             

 

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